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Vom Regen in die Traufe - eine kurze Kurzgeschichte

in

• SHORTSTORIES
07.07.2020 10:33
von A. C. Greeley • 186 Beiträge | 915 Punkte

Naserümpfend betrat Monica Hackett erneut das Zimmer ihres Mannes.
Sie hasste diesen Geruch nach Desinfektions- und Zitronenreinigungsmitteln. Außerdem fand sie die ewig grüngrauen Bodenbeläge und die kahlen Krankenhauswände schon langsam ermüdend, doch heute, zeitig in der Früh war ihr tot geglaubter Ehemann aus dem Koma erwacht.

»Ja, er lebt, tatsächlich ...«, schnaubte sie ungehalten.
Wie hatte er ihr das nur antun können? All die Jahre, die seit seinem angeblichen Tod vergangen waren. Wieso war er wieder hier, jetzt nachdem sie sich ihr Leben ohne ihn gestaltet hatte?
Die Trauer war vorüber, alles, was sie im Moment empfand, war Machtlosigkeit und Wut.
Sie hatte sich doch bereits ein neues Leben in London aufgebaut!
Fünf lange Jahre war es her, seit sie, entsetzt, schockiert und vollkommen außer sich, vom Tod ihres Mannes erfahren hatte, und jetzt das!
Als sie den schmächtigen Mann in den weißen Laken betrachtete, versuchte sie, sich daran zu erinnern, was ihr seinerzeit an ihm so gut gefallen hatte. Seine Haare an den Schläfen waren ergraut und seine Wangen eingefallen.
So gerne würde sie ihm freundlicher gegenüberstehen, ihm sagen, wie Leid es ihr täte, doch sie konnte einfach nicht. Er hatte sie betrogen. Einen schlimmeren Betrug konnte sie sich nicht vorstellen. Er hatte seinen eigenen Tod vorgetäuscht, nur um auszusteigen! Feige und hinterhältig!
Sie sah, wie seine Lider flatterten. Also hatte er wohl wahrgenommen, dass jemand anwesend war. Da schlug er auch schon die Augen auf.

»Na, wie schön. Du bist ja wach«, begrüßte sie ihn übertrieben freundlich.
Mit Genugtuung erkannte sie, wie seine ohnehin fahle Haut noch ein wenig mehr an Farbe verlor.

»Na, hat es dir die Sprache verschlagen? Wirklich gut. So soll es auch sein.«
Eigentlich hätte sie nicht so reagieren wollen, doch die Worte kamen wie von selbst und ließen sich nicht aufhalten.
»Mo... Monica, du ... hier«, krächzte ihr von den Toten auferstandener Ehemann erschrocken, während er versuchte, sich ein wenig aufzurichten. Das Sprechen schien ihn noch sehr anzustrengen.

Sie lehnte sich über ihn und lächelte süffisant.
»Aber natürlich bin ich es. Ich bin doch deine Ehefrau, oder doch eher Witwe?«
Sie runzelte betont nachdenklich die Stirn.
»Ach ja, halt, falsch, Witwe kann gar nicht sein, da du ja wohl am Leben bist. Ja, dann bin ich wohl deine Ehefrau.«
Befriedigt wegen seines Gesichtsausdrucks lehnte sie sich in dem Stuhl zurück.
»Mony, ich ...« Er seufzte tief auf. »Es tut mir leid ...«, war alles, was er herausbrachte, ehe er keuchend in die Polster zurücksank.
Sie nickte und strich ihm besänftigend über die Stirn.
»Ja, mir auch, glaube mir, mir auch«, murmelte sie.

Er hob mühevoll seine eingebundene Hand und legte sie auf ihre.
»Lass ... mich ausreden ...«, keuchte er. »Es tut mir leid, dass ich so blöd war, bei einem richtigen Zugunglück aufzufliegen.«

Monica Hacketts versteinerter Gesichtsausdruck sprach Bände und es dauerte einen Augenblick, bis sie sich wieder gefasst hatte.

»Vom Regen in die Traufe, sag ich da nur«, antwortete sie trocken, ehe sie ihre Hand unter seiner hervorzog und das Zimmer verließ.

Kurzgeschichte BST 2013


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