#1

3 Eine Wahl haben

in 24.11.2020 07:31
von Jascha • 120 Beiträge | 708 Punkte

3
Wahl (Hilde Domin - 1909 bis 2006)

Ein Mandelbaum sein
eine kleine Wolke

in Kopfhöhe über dem Boden
ganz hell
einmal im Jahr

Einer im kleinen Stoßtrupp
des Frühlings
keinem zu Leid als sich selber
im Glauben an einen blauen Tag
vor Kälte verbrennen

Ein kleiner Mandelbaum sein
am Südhang der Pyrenäen
oder im Rheintal
der bleibt und wächst
wo er gepflanzt ist

Aber entlang gehen
bei diesem Mandelbaum
oder ihn plötzlich sehn
wenn der Zug
aus dem Tunnel kommt

Lachen und Weinen und die unmögliche
Wahl haben
und nichts ganz recht tun
und nichts ganz verkehrt
und vielleicht alles verlieren

Doch mit Ja und Nein und Für-immer-vorbei
nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel,
die Hand hinhalten

In jeder Strophe beschreibt Hilde Domin Situationen, über die ich mich wundere, freue, nachdenke und ahne, was gemeint sein könnte, es aber dann wieder verwerfe, weil es auch ganz anders sein könnte.

Über den Mandelbaum freue ich mich. Gern würde ich einer sein und einmal im Jahr hell erblühen.
Warum er sich aber selber Leid bereitet? Ich weiß nicht viel über Bäume, ahne aber, dass hier ein Mensch gemeint sein könnte, der an sich selbst leidet und an einem blauen Tag vor Kälte verbrennt. Was für ein starkes Bild! Es verunsichert mich. Vor Kälte verbrennen … ein Durchdringen gegensätzlicher Empfindungen - und das an einem Tag, an dem der Himmel blau leuchtet?

Die nächste Strophe fängt mich auf, tröstet: Es ist schön am Südhang der Pyrenäen und auch im Rheintal. Der Baum darf bleiben und wachsen. Es ist wundervoll, einen blühenden Mandelbaum anzuschauen, egal, ob ich nahe an ihm vorbeigehe oder ihn plötzlich sehe, während ich im Zug sitzend aus dem Tunnel auftauche.

In den letzten beiden Strophen verlässt Hilde Domin den Mandelbaum, taucht ganz ins menschliche Fühlen, Zweifeln, ja sogar Verzweifeln ein. Weder Lachen noch Weinen scheinen Erlösung zu bringen. Zwischen welchen Dingen ist es unmöglich zu wählen? Da die Wahl unmöglich ist, werde ich nichts richtig, aber auch nichts falsch machen und dennoch alles verlieren?

Ich soll/ muss es doch wagen zu wählen, zu entscheiden zwischen Ja und Nein. Und ich soll es aussprechen und sogar noch verstärken, indem ich weiß, dass etwas Für-immer-vorbei ist.
Dabei darf ich nicht ermüden, sondern soll still werden und dem Wunder leise, wie einem Vogel, die Hand hinhalten.

Ist das nicht wundervoll? Ich liebe dieses Gedicht.


zuletzt bearbeitet 24.11.2020 19:14 | nach oben springen

#2

RE: 3 Eine Wahl haben

in 24.11.2020 18:35
von Evelucas • 550 Beiträge | 2242 Punkte

Das erinnert mich an William Shakespeare im übertragenen Sinne.

Zitat: "Theres nothing either good or bad, only Thinking makes it so?"

Es ist natürlich sehr schwer, in dan Kopf der Schöpferin dieses wundervollen Verses hineinzublicken. Alles scheint rund um ein Geheimnis herum zu tanzen. Eines worüber sie sprechen, sich mitteilen möchte, aber ohne es zu verraten.
Jedes Wort, jedes Intervall hinterläßt Spuren und Gedanken im Leser.

Ich höre zum ersten mal von dieser Dichterin. Doch vieles in ihren Worten erinnert mich eben an genau dieses Zitat, von William Shakespeare.

Insbesondere der Teil mit der Wahl. Denn eine solche treffen wir doch im Grunde immer mit dem Kopf, im Kontext zu unsereren derzeitigen Gefühlen. Diese Gefühle beeinflussen nahezu immer unsere Gedanken. Sie können sehr flüchtig und brüchig sein, aber sind dennoch im Moment so heftig, das wir oft "denken" keine andere Wahl zu haben, als die die wir dann in genau jener Sekunde für uns treffen.
Daher ist die Wahl auch oft und ganz schlicht heruntergebrochen, eben auch eine Wahl unserer Gedanken, unserer Betrachtungsperspektiven unserer Lebenseinstellung.

Hätte ich zum Beispiel je an einem blühenden Mandelbaum gestanden und diesen bewundert, ja wäre an einem solchen vielleicht sogar zum erstem mal geküßt worden, so würde mir jeder weitere, blühende Mandelbaum, an dem ich dann im Laufe meines weiteren Lebens vorrüberschreiten würde, selbverständlich ein verschmitztes Lächeln ins Gesicht zaubern.
Es sei denn, mir fällt im selben Augenblick auch schon wieder der mutmaßlich unglückliche Verlauf einer Affaire, als Folge dieses einen Kußes ein, die mir damals das Herz brach. Dann würde aus meinem Lächeln wohl sehr bald eher ein Weinen werden.

Daher hätte ich die Vermutung, in Hinblick auf dieses wundervolle Gedicht, das da etwas außerordentlich persönliches dahintersteckt. Sie spricht ja auch von einem "Stoßtrupp des Frühling's". (der letzte noch lebende Hoffnungsschimmer?)

An dieser Stelle mußte ich zum Beispiel sofort an den zweiten Weltkrieg denken. Daran wie viele Soldaten in vollster Überzeugung auf einen "schnellen Sieg" (der blaue Himmel vielleicht?) in Rußland einfiehlen, erfolgsverwönt und eingebildet (keinem zu Leid als sich selbst). Und dann stagnierten die Truppen plötzlich, etliche Soldaten "erfroren" (vor Kälte verbrennen) und als der "Frühling" kam, waren die Verluste auf beiden Seiten dieses Krieges verheerend. Allerdings nicht nur der Kälte wegen, sehr viele sind auch einfach innerhalb des Kriegsgeschehens, " in der Kälte verbrannt".
Hat Hilde Domin jemanden verloren, bei genau diesem oder einem anderen Krieg?

Die nächste Versrunde könnte aus diesem Blickwinkel betrachtete dann auch zu bedeuten haben, dass es da vielleicht besser gewesen wäre, hätte sich dieser "Verlorene", "Verschollene" oder womöglich sogar "gefallene" Soldat, doch besser nicht den "Kampf fürs Vaterland" gewählt, sondern sich eben mehr so verhalten, wie ein "Mandelbaum am Südhang der Pyrenäen".
Vielleicht eine Metapher darauf, nicht die eigene, kleine heile Welt zu verlassen, sondern stattdessen einfach da zu bleiben, wo man auch "seine wahren Wurzeln" geschlagen hat.

Und im nächsten Vers wiederum, scheint aber plötzlich auch ein Hinterfragen dieses Gedankens schon wieder einhalt in dieses Gedicht zu halten. Wieder in Metaphern, wieder der Mandelbaum. Einmal im Sinne eines "an ihm entlang Gehen's", einmal nur als flüchtiger Moment, "wenn der Zug aus dem Tunnel kommt". Also die Frage danach, welche Wahl denn nun wirklich richtig gewesen? Oder ob nicht sogar einfach beide "Wahlmöglichkeiten", die dieser Soldat hatte dann dennoch zum selben Ergebnis geführt hätten? (Welches auch immer? Da hält sich unsere Autorin weiterhin bedeckt. Das Geiheimnis also wieder da.)

Und schon gelangen wir auch schon wieder zu dieser "unmöglichen Wahl", die einen in die Verzweiflung trieben kann. Vielleicht ghet es hierbei einfach um die Frage "Als Desateur" ewig gejagt werden? Oder mit großer Wahrscheinlichkeit als "Held" im Kampf fallen oder zum "Gefangenen der Gegenseite" werden? Wenn es um diese Wahl geht, ja dann ist sie nahezu unmöglich zu teffen. Da tatsächlich im Großen und Ganzen, keine dieser "Wahlen" eine wirklich freie ist. Im Grunde also gar keine wirkliche Wahl ist, die dieser mutmaßliche Soldat überhaupt hatte. Er wählte aber offensichtlich den "Kampf", aus Sicht seines Landes, seiner Befehlshaber tat er das Richtige, doch aus Sicht Derjenigen, die er aufgrund seines "mit dem Trupp ziehen's" in Ungewissheit auf ein "Wiedersehen" zurückließ, tat er wohl nicht so ganz das Richtige. Dennoch traf er weder eine "falsche noch rechte Wahl", sondern nur eine die eben im Grunde, zum selben Ergebnis führte. In die Ungewissheit, die auf beiden Seiten bleibt.

Doch dann folgt dieser subtile Teil der Hoffnung in diesem Gedicht. Dieses warten auf ein Wunder. Es könnte ja dennoch sein, dass er überlebt hat und schlussendlich nach Jahren einer Gefangenschaft, doch wiederkehrt. Insbesondere dann, wenn er ja vielleicht nur als "Verschollen" galt. Und ja, diese Wunder gab es auch nach dem zweiten Weltkrieg. Rückkehrer, die man im Laufe des Kriegsgeschhehens einst aus den Augen verloren hatte, von denen man eben nicht wusste, ob sie noch leben oder dennoch gefallen waren. Die Ungewissheit jedoch bleibt auch in diesem Gedicht. Es endet mit einem "offenen Ende". Mit einer Geschichte, die noch keinen wirklichen Abschluss fand.

Es bleibt das Geheimnis der Schöpferin.


Tja, soweit also hier mal meine "Interpretation". Ich habe aber natürlich keine Ahnung, ob Hilde Domin tatsächlich zu jener Genaration gehört, die noch sehr stark von diesem einstigen Kriegsgeschehen beeinflusst und geprägt, aufwuchs. Vielleicht verarbeitet sie ja hier nur für sich, Erlebnisse und Eindrücke von ihren Großeltern, oder Eltern, die ihr mal erzählt wurden, aus dieser oder einer anderen Zeit.

GLG. Evelucas






zuletzt bearbeitet 24.11.2020 18:42 | nach oben springen

#3

RE: 3 Eine Wahl haben

in 24.11.2020 19:16
von Jascha • 120 Beiträge | 708 Punkte

Liebe Evelucas,
vielen Dank für Deine ausführliche Betrachtung;
ich habe eben die Lebensdaten von Hilde Domin ergänzend eingefügt.
Liebe Grüße, Jascha


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#4

RE: 3 Eine Wahl haben

in 24.11.2020 19:29
von Evelucas • 550 Beiträge | 2242 Punkte

wow!
Da lag ich ja dann vielleicht gar nicht mal so falsch mit meiner Interpretation.

1909 geboren. Da hat sie ja dann sogar beide großen Kriege des 20sten Jahrhunderts miterlebt. Den ersten noch als Kind von 5-9 Jahren und dan zweiten dann schon als junge Frau.

Aber sehr schön zu sehen, dass sie trotz allem, beinahe hundert Jahre alt wurde.

Danke Jascha für deine Ergänzung.

Liebe Grüße


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#5

RE: 3 Eine Wahl haben

in 24.11.2020 21:22
von Jascha • 120 Beiträge | 708 Punkte

Liebe Evelucas,

als Jüdin musste Hilde Domin (eigentlich Hilde Palm geb. Löwenstein) mit ihrem Mann E.W.Palm emigrieren. Italien war 1932 ihre erste Exilstation. 1939 flohen die beiden in letzter Minute über Paris und London nach Kanada und von da aus in die Dominikanische Republik. Nach dem Tod ihrer Mutter begann sie 1951 mit dem Schreiben von Gedichten unter dem Pseudonym Domin, nach dem Namen der Insel, auf der sie Zuflucht gefunden hatte.

1959 - fünf Jahre nach ihrer Rückkehr nach Deutschland - erschien ihr erster Gedichtband "Nur eine Rose als Stütze". 1992 wurde ihr der Hölderlin-Preis verliehen.
In einem Interview antwortete sie auf die Frage, wie viel Mut ein Schriftsteller benötige: "Ein Schriftsteller braucht drei Arten von Mut. Den, er selbst zu sein. Den Mut, nichts umzulügen, die Dinge beim Namen zu nennen. Und drittens den, an die Anrufbarkeit der anderen zu glauben."

2004 wurde sie Ehrenbürgerin der Stadt Heidelberg. Die Dominikanische Republik zeichnete sie mit dem höchsten Orden aus, den der Staat zu vergeben hat.

Im Februar 2006 verstarb sie in Heidelberg. Der von ihr selbst gewählte Grabspruch lautet:"Wir setzten den Fuß in die Luft/ und sie trug."

Liebe Grüße, Jascha


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