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• SHORTSTORIES
18.12.2021 20:03
von MortimerMuck • 8 Beiträge | 49 Punkte

Xanthine, die kleine Hexe
(Arbeitstitel von SchreibElan vergeben)

Xanthine ist eine kleine, noch recht junge Hexe. 83 Jahre, dieses Alter ist nicht der Rede wert für eine ordentliche Hexe. Deshalb muss sie auch einmal im Monat noch in die Hexenschule gehen.
Das macht sie aber gar nicht gern. Nicht etwa weil sie von sich denkt, dass sie schon alles weiß, oh nein! Abra Kadabra bewahre! Dafür gibt es einen anderen Grund, nämlich diesen: Hexen sind von Natur aus nicht besonders nett zueinander und leben lieber mit sich und ihren Zauberkünsten ganz allein, vor allem, wenn sie älter werden. Nur einmal im Jahr treffen sie sich auf dem Hexentanzplatz, die meisten haben ja schon einmal von der Walpurgisnacht gehört. Da geht es hoch her, aber nicht gerade freundlich, sie kreischen und schreien und lachen wild und nichts finden sie lustiger, als wenn einer von ihnen ein Missgeschick widerfährt!
Das letzte Mal waren zwei ganz wilde Damen mit ihren Besen beim Herumrasen zusammengestoßen - und heruntergefallen. Ein ganzes Jahr lang danach haben die anderen alten Hexen darüber gelacht!
Bei den ganz jungen Hexlein, die natürlich vor ihrer Hexenprüfung noch nicht auf den Hexentanzplatz dürfen, ist das aber nicht anders. Sie lästern hemmungslos übereinander, ärgern sich mit großer Freude gegenseitig und spielen sich die übelsten Streiche.
Dann lachen sie böse!
So geschah es auch kürzlich wieder, als Xanthine in der Hexenschule war.
Die Lehrerin Oberhexe Gruselzahn erklärte gerade, wie man unangenehmen Leuten zur Strafe etwas anhexen kann. Da entdeckte Xanthine, wie ihre Bank-Nachbarin Knochenbeinchen, die sich grundsätzlich immer langweilte, das Ganze schon übte und Alberich, dem einzigen Jung-Zauberer in ihrer Klasse, drei saftige Popel oben auf die Nasenspitze hexte.
"Iiiiiiiih", schrie Xanthine angeekelt.
Die Lehrerin hatte nichts von der heimlichen Hexerei mitgekriegt, war aber sehr verärgert über die Störung.
Sie sah Xanthine zornig an und kreischte: "Rrrrrraus, Xanthippe, nimm deinen Besen und verschwinde!"
Beleidigt schwang sich Xanthine auf ihren Besen und schoss durch das offene Fenster davon.
Zu den anderen meinte die Oberhexenlehrerin immer noch sehr aufgebracht: "Diese, diese - Xanthippe bekommt von mir eine stinkige Strafarbeit, dass lasse ich mir nicht bieten! Ich lasse mich nicht einfach stören in meinem überaus wichtigen Unterrichtstoff! Ich verlange Respekt!"
Weiter kam sie nicht, denn es lachten und kreischten alle Hexlein, auch die sonst recht braven, wie verrückt durcheinander!
"Xanthippe, hihi, hoho, Xant - hippe", konnte man immer wieder aus dem Tumult heraushören.
"Rrrruhe!", schrie die Oberhexe und schlug vor Wut ihren Besen auf dem Lehrertisch entzwei. Nur gut, das es einer ihrer alten Schulbesen war. Erschrocken waren alle wieder sofort still.
Doch Knochenbeinchen, die Übeltäterin, hatte das Durcheinander genutzt und schnell die Popel dem Alberich wieder weggehext. Unschuldig blickend und ganz eifrig meldete sie sich, schnipste laut mit ihren langen Fingern und sagte: " Unsere Xanthine heißt doch nicht XANT - HIPPE! Wir mussten einfach lachen, weil.....!" ,
"Ja bitte", meinte die Lehrerin und kräuselte ihre mächtig krumme Nase. "Ich höre!"
"Na, unsereiner kann doch nicht Xanthippe heißen. Wir alle wissen" – dabei schaute sie sich grinsend nach den anderen um – "die war eine böse, keifende, zanksüchtige, missgünstige Menschen-Frau. Das kann doch niemals ein Name für eine ordentliche Hexe sein!"
"Ach so, ja klar", sagte die Hexenlehrerin etwas zerstreut. "Machen wir für heute bis zum nächsten Vollmond Schluss mit dem Unterricht. Übt alles fleißig und wartet auf die nächste magische Einladung."
Xanthine war unterdessen weit hinaus in den Wald geflogen, saß dann stundenlang auf einem morschen Ast und ärgerte sich laut: "Xanthippe, brrr, Krötenschleim und Eulenkacke, so eine Gemeinheit, nie wieder will ich diesen Namen hören...."
Doch es kam anders. Der Zufall wollte es, dass ein freches Hexlein aus ihrer Schulgruppe auf dem Nachhauseweg an ihr vorbeiflog und sie entdeckte. Sie wendete ihren Besen und rief Xanthine schadenfroh zu: "Hallo Xanthippe, olle Hippe!"
Dann flog sie superschnell davon. Das war auch gut so, denn Xanthine war ganz lila vor Zorn geworden und ihre Augen blitzten gefährlich.
Doch in den nächsten Tagen und Wochen geschah nichts weiter und Xanthine beruhigte sich wieder. Im sonnigen, schon etwas herbstlichen Wald traf sie keine gehässigen Junghexen mehr. Sie freute sich an den bunter werdenden Blättern, den Giftpilzen und den kleinen Spinnen, die an ihren Fädchen durch die Luft schwebten.
In der Nähe des Wäldchens, in welchem sich Xanthine gern aufhielt, war ein Park mit schönen Bäumen und weiten Rasenflächen. Dorthin kamen oft Leute, setzten sich auf die Bänke oder auf die Wiese, spielten, lachten, aßen, tranken und ließen sich von der Sonne bescheinen. Viele führten auch ihre Hunde spazieren oder ließen sie nach hüpfenden Bällen springen.
Xanthine beobachtete all dies gemütlich aus sicherer Ferne, doch mit wachsender Verwunderung bemerkte sie , dass viele Menschen ihren Abfall einfach so in der schönen Natur liegen ließen.
Die Leute, welche nachts dort feierten, und das waren nicht wenige, benahmen sich am schlimmsten. Da gab es dann am nächsten Tag beeindruckende Müllhaufen zu sehen: Pizzakartons, leere oder noch halbvolle Tüten mit Essensresten, Plastikbecher, Dosen, ja überhaupt alles mögliche an Unrat, aber auch Unmengen von ausgetrunkenen Flaschen. Manche wurden sogar extra zerbrochen und die spitzen Scherben funkelten gefährlich im Sonnenlicht.
Aus der Verwunderung Xanthines wuchs Zorn und Ärger über solche Menschen.
Obwohl sie eigentlich eine Langschläferin war, flog sie eines morgens sehr früh auf die große Wiese, um sich mit den drei Rabenkrähen, die immer dort herumstolzierten, über dieses Problem zu unterhalten. Die fanden zunächst, dass es doch eigentlich ganz interessant wäre, in den Abfällen herum zu stochern. Hin und wieder fand sich ja auch was Fressbares, dass war doch nicht schlecht. Ja - allerdings hätte man sich an den salzigen Pommesresten mit Ketchup schon den Magen sehr verdorben. Rabe Ralf wäre sogar fast gestorben, als er das lecker riechende, knusprige weiße Zeug verspeiste, denn es war leider unbekömmliche Plast gewesen.
Nachdenklich flog Xanthine in ihr kleines, verborgenes Hexenhäuschen zurück. Wozu bin ich denn eine Hexe, dachte sie. Wenn ich mich nur über den Müll ärgere, nützt das nichts, davon kriege ich nur Magenschmerzen oder Kopfweh.
Das bringt nichts. Ich muss etwas tun!
So flog sie am nächsten Morgen wieder in den Park und beobachtete die Menschen dort genau.
Zuerst kamen viele Jogger und auch Hundebesitzer.
Ein großer Hund machte sein Häufchen, nein seinen Haufen, mitten auf den Weg, doch sein Mensch starrte nur auf das Smartphone in seiner Hand und interessierte sich nicht dafür. Nicht so toll, einfach eklig, fand Xanthine.
Im Laufe des Tages kamen viele unterschiedliche Spaziergänger. Eltern mit sehr kleinen oder etwas größeren Kindern, ältere und jüngere Erwachsene - doch so viel Müll warfen die eigentlich nicht weg. Mal ein Taschentuch da, ein Schokoladen -oder Bonbonpapier dort; aber die meisten benutzten brav die Abfallbehälter, die es ja auch gab.
Dann wurde es düster und schließlich dunkel und es versammelten sich fröhliche Jugendliche im Park. Sie hatten Tüten, Flaschen, ja sogar ganze Bierkästen dabei. Später sah Xanthine sie auf der Wiese im Kreis sitzen, sie hörten Musik, redeten, lachten, aßen und tranken. Mit der Zeit wurden sie auch immer lauter und einer ließ dann sogar zwei Böller krachen. Eigentlich wollte Xanthine gleich wegfliegen, denn all dass gefiel ihr immer weniger und ihre Geduld war fast zu Ende. Dann aber gingen doch alle nach Hause - und ließen den ganzen Müll, den sie verstreut hatten, einfach liegen.
Als Xanthine das sah, zischte sie schimpfend auf ihrem Besen zurück in ihr Baum-Häuschen, aber sie konnte nicht schlafen, sondern überlegte sich bis zum Morgengrauen, wie sie diese Müllmonster mit ihren Hexenkünsten bestrafen könne. Das wollte sie unbedingt. Das wäre doch wirklich mal eine wichtige Aufgabe für eine junge Hexe! Aber wie? Vielleicht auf ihren Besen nachts zwischen ihnen hindurchsausen und sie zu Tode erschrecken? - Nein, da verstieß sie gegen die magische Regel, dass Hexen sich nicht einfach mutwillig sehen lassen dürfen um Menschen zu erschrecken.
Erst als ihr fast schon die Augen zufielen, kam ihr doch noch eine großartige Idee. "Uiiih", kreischte sie vor Freude und sprang wie ein Gummiball in die Höhe - nur um dann verschmitzt grinsend wieder zwischen ihren kratzigen Decken einzuschlafen.
Erst am nächsten Abend erwachte sie erneut und kaum da sie sich wieder auf ihre nächtliche Idee besann, blitzten ihre Augen sehr vergnügt auf. Sogleich schwang sie sich auf ihren Besen um nochmal den Park aufzusuchen.
Sie hatte Glück, es war ein lauer Abend und Wochenende, perfekt zum Feiern.
Langsam flog sie durch die Büsche und passte auf, dass sie nicht gesehen wurde.
Ah - da kam einer allein den Weg entlang, holte sich eine Zigarettenschachtel aus der Jackentasche und zündete sich eine Zigarette an. Es war die letzte und danach warf er die leere Schachtel einfach achtlos weg.
Nun war Xanthines Einsatz gekommen! Leise, mit schelmischem Blick, flog sie hinter dem Typen her und hexte ihm die leere Schachtel wieder hinten an seine Hose.
Als er bei den anderen, die schon auf der Wiese saßen, angekommen war, lachte ein Mädchen laut auf! Da entdeckten auch die anderen, warum sie lachte und fanden die Schachtel an seinem Hintern auch sehr lustig.
Der junge Bursche war nun etwas verlegen, doch das Dumme war, die Schachtel ging, so sehr er sich auch anstrengte, nicht mehr ab! Dann versuchten es alle mal, einer nach dem anderen, ohne Erfolg.
"Steck die Hose zuhause in die Waschmaschine!" - sagte schließlich ein ganz Schlauer - "und lass uns jetzt feiern".
So feierten sie also wie immer, machten Späßchen, hörten Musik, aßen und tranken bis lange nach Mitternacht. Und wieder verstreuten sie alles mögliche an Abfall auf der Wiese.
Nur eines war nicht mehr wie immer!
Als sie nämlich gehen wollten, klebte an jedem von ihnen ihr eigener liegengelassener Müll!
Keiner verstand so recht, wie das hatte passieren können. Zuerst lachten sie nur verwundert und versuchten sich gegenseitig Pommesreste, Chips, Keks -Tüten und halbaufgegessene Burger von den Sachen zu klauben, doch nichts ging wieder ab! Leere Flaschen steckten fest in ihren Hosen-und Jackentaschen, einer schrie sogar schmerzvoll auf, weil er in die Scherben der von ihm selbst zerdepperten Wodkaflasche griff - die waren auf geheimnisvolle Weise in sein Basecape geraten, dass er sich gerade aufsetzen wollte.
Hätten sie dabei doch nur nicht so laut und aufgebracht durcheinander gerufen, wäre ihnen Xantines amüsiertes Kichern im Gebüsch wohl nicht entgangenen...
Zu Hause versuchte dann ein jeder im Stillen, sich des Mülls an seiner Kleideung wieder zu entledigen, doch nichts half! Keine Waschmaschine, weder Zange noch Hammer. Alle möglichen Tinkturen wurden eingesetzt - erfolglos. Dennoch wanderte der Abfall doch noch ordentlich in die Mülltonne, nur leider zusammen mit den coolen Klamotten an denen er klebte.
So etwas in der Art geschah danach sogar noch öfter, doch nach einer Weile war es viel sauberer im Park geworden. Nur manchmal versuchte noch jemand verwundert und zunehmend verzweifelt, den Müll wieder von seinen Sachen abzubekommen.

Xanthine bekam bald immer weniger zu tun, bis es mal wieder an der Zeit war, die Hexenschule zu besuchen. Dort sollten die jungen Hexen nun zeigen, wie fleißig sie bisher geübt hatten.
Xanthine wurde Klassenbeste im Fach Zaubern, wenn es um das "Anhexen" ging.
Wen wundert's.


zuletzt bearbeitet 21.07.2023 11:25 | nach oben springen


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