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02 Sternenkind- von Sonja Pudmensky (Jascha)

in ROMANE & ANDERE WERKE
19.06.2018 08:17
von Evelucas • 550 Beiträge | 2242 Punkte


Sternenkind
von Sonja Pudmensky (Jascha)

Sie merkte nicht, wie die Zeitschrift ihren Händen entglitt. Erschöpft schloss sie die Augen.

Die Stille trügt, schnürt ein,
schmerzende Atemlosigkeit.
Kaum ein Ton dringt durch zu mir
und doch - ich weiß, ja, weiß es –
überall erklingt Musik,
auch wenn sie tonlos bleibt.
Die Melodie
bis in die Fingerspitzen spürbar,
verborgen vor mir, geflohen einst.
Oder vertrieben durch mich?
Ich muss den Schlüssel finden.

Ich genieße die Kühle,
sie kommt von den Bäumen,
lass' mich verzaubern vom Regenbogen,
den die Springquelle malt.
Tanzen,
ich vergaß, welch innere Wandlung es auslöst zu tanzen.
Tanzen mit ihr – der engsten Vertrauten –
der verlornen Schwester?
So leicht sind wir,
wollen gar nicht mehr aufhören,
regennass unser Haar,
die Jacken von den Schultern gerutscht.
Der Schwester Lied hebt mich aus der Nacht,
trägt mich dem neuen Tag entgegen.
Sie singt von einem Kuss,
den die Sonne des Morgens vom Mond empfing,
von Tauperlen auf Gräsern
und tanzenden Ahornblättern im Wind.
Ihrem Gesang geb' ich mich hin,
rhythmisch jetzt ihr Blätterrauschen
und die Nebelschwaden schwinden.

"Deine Schwester ist ein Sternenkind, tanzt die Milchstraße entlang", so erzählte es ihr die Mama einst.
"Auf dem Friedhof ist sie nur bei Tage, dort, wo die kleine Puppe sitzt, die ich ihr aus Stoffresten genäht habe. Kneifst du deine Augen ganz fest zusammen, kannst du sie im Abendrot sehen. Der kleine Stern – dort, neben der Deichsel vom Großen Wagen - schau ganz genau hin – das ist sie. Ganz still sei und warte, dann erzählt sie dir von den Sternen. Und von dir will sie hören, was Blumen sind und Bäume, was du erlebt hast heut', hier auf der Erde. Deine Zwillingsschwester war sie, ihr glicht euch, wie ein Ei dem anderen. Ich weiß, sie fehlt dir so sehr, denn mit ihr ging ein Teil auch von dir verloren. Ohne sie bist du nur halb, fühlst dich gar unvollständig. Doch Gott hat es gefallen, sie gleich wieder zu sich zu holen. Wir dürfen jetzt nicht traurig sein. Versprich mir nur, sie nicht allein zu lassen. Dann wird auch sie für immer dir zur Seite stehen."

Paloma schreckte hoch. Noch ein wenig benommen schaute sie um sich, sie war allein, niemand hatte sie beobachtet. Schnell hob sie die Zeitschrift wieder auf, blätterte noch einmal und blickte erneut in ihr Spiegelbild. Das Foto war in La Palma de Mallorca aufgenommen worden. Sie selbst war noch niemals dort gewesen.
Lebte ihre Schwester? War sie doch kein Sternenkind?
Das konnte nicht sein, in den Unterlagen ihrer verstorbenen Mutter hatte sie die Sterbeurkunde ihrer Schwester gefunden, sie trug das gleiche Datum wie ihre Geburtsurkunde.
Besuchte sie auf dem Friedhof nur ihre Mutter? War das Grab ihrer Schwester leer?
Was war geschehen? Sie wollte endlich Gewissheit haben und – wenn ihre Schwester wirklich noch lebte – sie finden.

***


Alfredo erinnerte sich noch gut an seine erste Begegnung mit Paloma. Es war Freitag, der 12. Juni 2003, als sie in sein Büro kam.
Ihre Gesichtszüge waren von einer besonderen Schönheit. Gewöhnlich entdeckte er sehr schnell Unstimmigkeiten zwischen den beiden Gesichtshälften und war dann enttäuscht, denn er mochte keine Disharmonien.
Während sie sprach, hatte er ihr Gesicht ausgiebig betrachten können. Darin war nichts, was ihn zurückstieß. Und ihr Körper, eine fast vollkommene Acht. Der Schöpfer der Acht muss sie persönlich gekannt haben.
Sie legte ihm die Urkunden über Geburt und Tod ihrer Schwester vor, zeigte ihm das Foto aus der Zeitschrift. Er nahm sich viel Zeit, betrachtete dieses Bild genau, drehte und wendete es, spürte Palomas Unruhe sowie ihre Hoffnung.
Zweifellos sahen sich die beiden Frauen sehr ähnlich.
Sie musterte ihn erwartungsvoll, wagte kaum zu atmen.

Falls sie Recht hat, dachte Alfredo, wird ein DNA - Test nötig werden. Seine visuellen Fähigkeiten hätten vor Gericht keinen Bestand.
Vor allem musste Geld fließen, um der Sache auf den Grund gehen zu können. Das dürfte aber kein allzu großes Problem werden.
Seit Berichte über den ideologisch motivierten Kindesraub während der Franco-Diktatur in den internationalen Medien erschienen waren und bekannt wurde, dass Ärzte, Anwälte, doch vor allem die römisch-katholische Kirche das lukrative Geschäft bis weit in die 1990er Jahre hinein weitergeführt hatten, floss der Stiftung „San Isidro“ von vielen verschiedenen Seiten genug Geld zu.

Vergeblich hatte Alfredo auf diesem Foto nach derselben Harmonie gesucht, wie er sie in Palomas Gesicht vorfand. Er wollte die junge Frau nicht enttäuschen, und hätte sie auch sehr gerne wieder gesehen.
"Dieses Foto ist nicht lebendig genug", sagte er da zu ihr. "Wir werden das Original dazu suchen müssen. Pack deine Taschen, Paloma, wir fliegen kommenden Mittwoch nach La Palma. Bis dahin versuche ich über die Redaktion der Zeitschrift die Adresse deiner Schwester in Erfahrung zu bringen. Bitte Gott, er möge uns zu Hilfe kommen."



Zitat und Inspiration der Autorin, zu diesem Textauszug:
"Vor einigen Jahren ging tatsächlich eine Nachricht durch die Medien, dass eine 45-jährige Spanierin auf diese Weise ihre Zwillingsschwester fand. Ich habe mich dann ziemlich intensiv mit dem Spanien unter Franco beschäftigt. Wie das immer so ist beim Recherchieren, fanden sich dann auch Berichte aus anderen totalitär regierten Ländern. Man meinte tatsächlich, dass Eltern mit einer anderen politischen Einstellung ihre Kinder nicht richtig erziehen und leitete daraus das Recht ab, den Eltern ihre Kinder wegzunehmen."



Einfache Lektorat's Überarbeitung von Maria und Christine, am 23.01. 2017. Mögliche Fehler oder weitere Unstimmigkeiten können trotzdem nicht völlig ausgeschlossen werden. LG. Maria & Christine


zuletzt bearbeitet 22.07.2018 14:49 | nach oben springen


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