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09.Heute ist alles anders!

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• SHORTSTORIES
07.10.2018 19:41
von muglsabine2016 • 273 Beiträge | 1537 Punkte




Heute ist alles anders!
by Sabine Siebert



Freundlich nickend ging Feddersen an Willy Otremba, dem Busfahrer vorbei und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Auf dem Platz, auf dem er täglich saß, flegelte sich ein Jugendlicher. Ein junges Mädchen kuschelte sich an ihn und küsste ihn leidenschaftlich. Einige Sekunden stand Feddersen sprachlos vor den beiden, die ihn nicht bemerkten. Dann räusperte er sich.

„Hören Sie, das ist mein Platz.“
„Was?“, fragte das Mädchen.
„Siehste nicht Alter, hier sitzen wir! Such dir `nen anderen Platz.“
„Das ist eine Unverschämtheit“, brummelte Feddersen.
„Kommen Sie doch her. Neben mir ist Platz“, meldete sich eine gut aussehende Dame mittleren Alters drei Reihen weiter.
Kopfschüttelend ging Feddersen zu dem freien Sitz.
„Unverschämt diese Jugend heutzutage“, konnte er sich noch immer nicht beruhigen.
„Diese Flegel haben keine Erziehung. Schuld sind Fernsehen und Computerspiele, immer nur Gewalt“, plauderte die Frau munter drauf los.
Feddersen wollte nicht reden. Er holte wie immer seine Zeitung aus der Tasche. Doch er konnte die Seiten nicht umblättern, ohne die Nachbarin zu belästigen. Verärgert steckte er das Tagesblatt wieder ein und dachte: „Was für ein Tag? Alles läuft schief.“ Er war seinen täglichen Rhythmus gewohnt, die kleinste Änderung bereitete ihm Unbehagen. Die Frau redete immer weiter. Er hörte nicht zu, sondern sah aus dem Fenster, bemerkte den Regen und überlegte, wo er seinen Regenschirm hatte. Ein Blick in seine Aktentasche und er lehnte sich entspannt zurück. Wenigstens für Regenschutz war gesorgt. Er war mit seinen Gedanken beim Abendessen.

Plötzlich quietschten Bremsen, es gab einen Knall und ein gewaltiger Ruck ging durch den Bus. Glas splitterte, Menschen fielen von den Sitzen, der Bus schlingerte, streifte einen Baum, wechselte die Richtung und drohte umzukippen. Doch der erfahrene Busfahrer bekam die Kontrolle über das Fahrzeug und brachte es nach zwei Minuten zum Stehen. Im Bus herrschte absolute Stille. Mühsam erhob sich Otremba von seinem Fahrersitz und wandte sich an die Fahrgäste.
„Ist jemand verletzt?“
Als hätte die Frage den Schock gelöst, redeten nun alle durcheinander. Feddersens Blick fiel auf „seinen“ Sitz. Dort lagen der Junge und das Mädchen zwischen den beiden Sitzreihen. Überall war Blut.
„Herr Otremba, hier die beiden sind verletzt!“
Gleichzeitig erreichten Otremba und Feddersen den Platz und sahen das Ausmaß. Ein großer Glassplitter hatte sich in den Oberkörper des Mädchens gebohrt. In dem linken Bein des Jungen steckte ein Splitter. Er musste eine Arterie verletzt haben, denn das Blut wurde stoßweise herausgepumpt.
Vorsichtig legten sie die junge Frau auf einen Sitz.
„Hat jemand einen Gürtel?“, fragte Otremba.
„Ich“, sagte Feddersen und reichte ihm seinen Gürtel.
Während der Busfahrer sich um den Jungen kümmerte, rief er: „Jemand muss Polizei und Krankenwagen rufen.“
„Ist schon passiert“, meldete sich ein Eisenbahner aus der letzten Reihe.
„Ist noch jemand verletzt?“
Die meisten hatten leichte Schnittwunden und Prellungen.
„Wir müssen eine Namensliste mit den Verletzungen aller machen“, bat Otremba.
„Das übernehme ich“, erklärte Feddersen.
Er holte ein Blatt Papier aus seiner unbeschädigten Tasche und ging von einem zum anderen. Insgesamt waren zehn Personen leicht verletzt worden. Das schwer verletzte Mädchen wimmerte leise. „Was ist passiert? Ich kann kaum atmen.“
Aus der Ferne waren Sirenen zu hören. Kurz darauf kamen drei Rettungswagen und zwei Polizeifahrzeuge. Die Sanitäter versorgten schnell die beiden Schwerverletzten. Drei Minuten später fuhr der Wagen bereits zum Krankenhaus. Die Leichtverletzten wurden mit den zwei anderen Fahrzeugen abtransportiert. Zurück blieben der Busfahrer, der Eisenbahner, die gut aussehende Dame und Feddersen. Sie waren unverletzt. Die Polizisten ermittelten den Hergang. Auf der regennassen Straße hatte ein Lieferwagen den Bus gerammt, direkt an der Stelle, wo seit Jahren Feddersens Platz war. Feddersen atmete tief durch und dachte mit einem Seufzer der Erleichterung: „Heute ist dein Glückstag!“


zuletzt bearbeitet 01.04.2020 15:02 | nach oben springen


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