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1898 - Mord in Ottakring

in Greeleys Ripperstreet 07.10.2019 18:22
von A. C. Greeley • 186 Beiträge | 915 Punkte

Damals, als alle Zeitungen in Europa über den geheimnisvollen Londoner Frauenmörder Jack The Ripper berichteten, ereignete sich auch in Wien ein Mordfall, der eine gewisse Ähnlichkeit mit den Morden aus London hatte.

Wien gegen Ende des Jahres 1898:

Mark Twain hält sich gerade zu Besuch in Wien auf.

Aus der Brigittenau wird eine Massenvergiftung durch einen Weihnachtsstrudel berichtet, bei dessen Zubereitung man irrtümlich statt dem üblichen Streuzucker Arsen verwendet hatte.

Das Carl-Theater in der Praterstraße spielt das Stück „Zwei kleine Vagabunden“

Im Hof-Burgtheater wird der „Sommernachtstraum“ aufgeführt, und aus dem Floridsdorfer Theater wird der Diebstahl eines Hamletkostüms vermeldet.

Am 27. Dezember berichtet unter anderem das „Illustrirte Wiener Extrablatt“ unter dem Titel
„Der Aufschlitzer von Wien“
von einer Schreckenstat in einem
Vorort der Stadt und weckt damit die Ängste zahlreicher in ihrer Feiertagsruhe sanft dahindösender Bürger, wie dies bereits dem Dirnenmörder von Whitechapel zehn Jahre zuvor im viktorianischen London gelungen war:

„Ein scheußlicher Mord wurde heute Morgens in Ottakring entdeckt.
Das Verbrechen erinnert in der Art der Ausführung an die Thaten des Londoner Frauenmörders Jack, des Aufschlitzers“.

Am Morgen des 27. Dezember 1898 besuchte Wilhelmine Tintner ihre Schwester Franziska Hofer in deren Wohnung im 16. Bezirk, um ihr eine Jacke zu borgen.
Sie betrat die halbdunkle Wohnung und prallte entsetzt zurück.
Ihre Schwester lag nackt in ihrem Blute auf dem Diwan des Zimmers, die Arme leicht in die Hüften gestemmt – ein Hinweis, dass sie erst nach ihrem Tode so hingelegt wurde.

Sie war professionell mit einem Schnitt vom Brustbein bis zu den Oberschenkeln aufgeschlitzt worden.

Weitere Details erspare ich euch hier. Dieser Mord wurde als Lustmord eingestuft, obwohl auch einige Effekten fehlten (Schuhe, Ohrgehänge, weiße Strümpfe).

Jedenfalls schien der Täter genaue medizinische Kenntnisse gehabt zu haben.

Die 41jährige Franziska Hofer war sittenpolizeilich registriert, da sie in Ermangelung eines anderen Dienstpostens eine Stelle als Kassierin in einem Hernalser Nachtcafé angenommen hatte. Eine Zeitlang war sie nach Deutschland ausgewandert, ehe sie wieder zurück nach Wien ging.

Auszug Illustriertes Wiener Extrablatt:

In der Haymerlegasse Nr. 27, in Ottakring, einem alten Hause, wohnt seit drei Jahren die unter sittenpolizeilicher Controle stehende 41-jährige Francisca Hofer. Die Wohnung des Mädchens besteht aus einem Cabinet, das vom Gang aus separiert ist, so daß das Mädchen stets direct vom Gange im ersten Stocke seine Wohnung betreten konnte. Heute Morgen gegen halb 9 Uhr wollte die, in der Nähe wohnende Schwester der Hofer diese besuchen. Sie fand die Thür offen und betrat das Cabinet, um sofort einen fürchterlichen Schrei auszustoßen ...

Auch wenn sich angebliche Täter einige Male mit diesem Mord brüsteten und obwohl nach zwei Wochen alle geraubten Effekten in einem Hernalser Rinnsal gefunden wurden, konnte der eigentliche Mörder – eine weitere Parallele zum Londoner ‚Aufschlitzer‘ nie gefunden werden.

Hm ... war es ein Nachahmungstäter oder doch Jack the Ripper persönlich, der auf einem Besuch in Wien war?
Nun, das werden wir wohl nicht mehr erfahren.

Bild entfernt (keine Rechte)


Anmerkung:

Effekten:
bewegliches Habe, Habseligkeiten


Quellen:
Wiener Kriminalchronik (von Max Edelbacher und Harald Seyrl) 1. Auflage 1993 – S. 90 – ISBN 3-7046-0421-6

ANNO – historische Zeitungen und Zeitschriften

Hans Veigl MORBIDES WIEN, ISBN 978-3-205-79576-6


zuletzt bearbeitet 01.11.2019 16:13 | nach oben springen

#2

RE: 1898 - Mord in Ottakring

in Greeleys Ripperstreet 08.10.2019 17:44
von muglsabine2016 • 273 Beiträge | 1537 Punkte

Liebe Agnete,

und wieder ein schauriges Verbrechen, das die Wiener Bürger in Angst und Schrecken versetzt. Die alten Zeitungsartikel mit ihrer früheren Schreibweise zu lesen, lässt einen direkt in diese Zeit versinken. Vielen Dank für die Einblicke.
G.l.G. Sabine


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