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Der Blautopf

in 04.10.2019 13:04
von muglsabine2016 • 273 Beiträge | 1537 Punkte

Der Blautopf – ein Ort an dem Märchen entstehen

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Am Sonntag nutzten wir das schöne Herbstwetter für einen Ausflug nach Blaubeuren, einem kleinen Städtchen in Baden-Württemberg, das uns mit seinen Fachwerkhäusern ans Mittelalter erinnert. Gebäude aus dem 15. Jahrhundert sind zu entdecken.
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Auch wir wollten den berühmten Blautopf kennen lernen. Aus 22 Metern geheimnisvoller Tiefe drängt das Wasser und treibt das bemooste Mühlenrad einer Schauhammerschmiede an.
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Blickt man in das Wasser, treibt die Fantasie ihre Blüten. Hier schrieb Eduard Mörike die „Historie von der schönen Lau“. In dem Märchen lernt eine Wassernixe am Blautopf wieder das Lachen.
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Auch die Entstehung des Blautopfes klingt abenteuerlich und reicht bis ins Erdmittelalter vor 150 Millionen Jahren zurück, als sich das Jurameer über die Hochfläche der heutigen Kuppenalb erstreckte. Nach dem Rückzug blieb ein aus Sedimenten gebildetes Kalkmassiv. Über Sickerwasser einsetzende Verkarstung, Regenwasser wird in Verbindung mit Co2 zu Kohlensäure, die den Kalk aus dem Gestein löst. Aus feinen Rissen entstanden so unterirdische Rinnen, Klüfte und Höhlen, durch die die Alb auch heute noch entwässert wird. Zunächst war der Blautopf aber ein Wasserfall. Doch vor 150.000 Jahren wurde er von Geröllmassen verschüttet und somit zu einer unterirdischen Quelle. Im Schnitt schüttet die Quelle 2.000 Liter in der Sekunde, in Spitzenzeiten bis zu 32.000 Litern aus. Wir erlebten einen ruhigen Tag. Es flossen nur 750 Liter pro Sekunde.
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Doch wie entsteht dieses fantastische Blau?
Durch die große Tiefe des Blautopfs werden alle einfallenden Spektralfarben des Lichts absorbiert – übrig bleibt nur die Farbe Blau.
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Ein kleiner Rundweg führt um die Quelle. Kaum ist man einige Schritte weitergegangen, verändert sich mit dem Lichteinfall auch der Blick. Das Wasser ist wunderbar klar. Man kann die Pflanzen genau erkennen.
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Der Himmel und die Umgebung spiegeln sich konturenscharf.
Nach wenigen Minuten ist die Quelle umrundet. Doch diesen mystischen Eindruck wollte ich nochmal erleben, deshalb ging es noch einmal um den Blautopf in umgekehrter Richtung herum.

Direkt am Wasser lädt ein Cafe zum Verweilen ein. Der Kirschmandelkuchen ist sehr zu empfehlen. Gegenüber des Blautopfs befindet sich das Kloster.
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Einen Besuch wollten wir uns nicht entgehen lassen. Schautafeln im Innern informieren über die Entstehung des Klosters und seine Geschichte. Aber auch das Leben der Klosterschüler vom Tagesablauf über die Mahlzeiten wird erzählt.

Das Kloster wurde um 1085 durch Anselm und Hugo Pfalzgrafen von Tübingen und Sigiboto von Ruck, einem nahen Verwandten, gegründet. Besiedelt wurde das Kloster mit Mönchen aus dem Kloster Hirsau, das auch den ersten Abt für Blaubeuren stellte. In den ersten Jahrzehnten seines Bestehens wurde das Kloster mit zahlreichen Besitztümern beschenkt. Im 12. Jahrhundert erfolgte auch ein Neubau der Klosterkirche in romanischem Stil, der 1124 vollendet wurde. Nach dem Aussterben der Ruck im selben Jahrhundert blieb die Vogtei über das Kloster pfalzgräflich bis sie 1282 an die Helfensteiner vererbt wurde.
Im 14. und frühen 15. Jahrhundert kam es zu einem vorübergehenden Niedergang. Es wurde von mehreren rohen Verbrechen berichtet. So sollen 1347 der Prior und 1407 der Abt durch Mönche ermordet worden sein. Zur selben Zeit herrschte auch die Pest in Mitteleuropa, und das Kloster war wohl auch vorübergehend entvölkert und seiner Güter verlustig. Durch mehrere Stiftungen konnte das Kloster jedoch wiederhergestellt werden und wieder in den Besitz seiner Güter gelangen.
Nach zahlreichen Verpfändungen ab 1368 verkauften die Helfensteiner schließlich 1447 Klostervogtei und Stadt Blaubeuren an Württemberg, das großen Einfluss auf die Abtswahl ausübte. Das Kloster gewann nun sehr rasch an Bedeutung. 1451 wurde die Kirchenreform im Kloster durch Mönche aus Wiblingen durchgeführt. Im Jahr 1456 war der Blaubeurer Abt Ulrich Kundig im Generalkapitel des Benediktinerordens, dessen Präsidium in der Folgezeit mehrfach mit Blaubeurer Mönchen besetzt wurde. Herausragend war auch Kundigs Nachfolger, der Abt Heinrich III. Fabri († November 1493), der 1477 die Universität Tübingen mitbegründet haben soll und auf den der grundlegende Neubau der Klosteranlage zurückgeht. So ist auch sein Wappen vielfach im Kloster zu finden: Ein Hufeisen und gekreuzte Nägel weisen auf seine Entstammung aus einer Schmiedefamilie hin.
In der Folgezeit entstand fast das ganze Kloster neu. Fabris im Jahr 1466 begonnener Neubau war wegen eines verheerenden Brandes nötig geworden und wurde vermutlich vom Grafen Eberhard im Barte von Württemberg finanziell unterstützt. Zuerst wurde bis etwa 1484 die Klausur errichtet. Es folgte von etwa 1484 bis 1491 der Neubau des Chores der Klosterkirche, der 1493 mit der Weihe des Hochaltares abgeschlossen wurde. Anschließend wurden bis 1501 die Westteile der Kirche errichtet.
Die Kirche besteht aus fünf Baukörpern, dem Langhaus, dem Zentralturm, zwei querschiffartige Kapellen und einem langgestreckten Chor. Der Chorraum enthält bedeutende Werke der Ulmer Schule. Der Hochaltar mit beweglichen Flügeln wurde 1493 geweiht und 1494 fertiggestellt.
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Im Zuge der Reformation wurde Blaubeuren 1534 durch Herzog Ulrich von Württemberg reformiert, der anschließend in das Kloster einzog. Während der Abt Ambrosius Scheerer als Klosterverwalter bis zu seinem Tod im Kloster blieb, gingen Prior und Mönche vorübergehend in die Verbannung nach Markdorf. In der Zeit des Augsburger Interims konnten sie zwar zurückkehren, jedoch bestätigte der Augsburger Religionsfriede 1555 den rechtmäßigen Besitz von Herzog Ulrichs Sohn Christoph von Württemberg, der das Kloster 1556 zum Sitz einer evangelischen Klosterschule machte. Vorübergehend lebten die katholischen Mönche gemeinsam mit den evangelischen Klosterschülern im Kloster, bis ihr Abt Tubing verhaftet und sie ausgewiesen wurden. Von 1563 bis 1570 war Matthäus Alber erster evangelischer Abt und Leiter der Klosterschule.
Vor dem Dreißigjährigen Krieg erhielt der Klosterschüler morgens und abends jeweils eine Mahlzeit mit je einem halben Pfund gekochtem Rindfleisch und je einem Viertelliter Wein. Meist wurde samstagsmorgens das Fleisch durch Stockfisch ersetzt. Während des Krieges wurden die Mahlzeiten aus Geldmangel fleischlos. Nach der Wiedereröffnung der Klosterschule wurde der alte Speiseplan wieder eingeführt. Erst im 18. Jahrhundert begann man den Schülern eine abwechslungsreichere Kost anzubieten. Es gab auch gebratenes Fleisch sowie Salate und Gemüse der Region.
Das Evangelische Seminar wurde 1817 mit der Bestimmung errichtet, dass die Schüler vier Jahre dort bleiben sollten. Erst 1873 wurde zum alten zweijährigen Kurs zurückgekehrt. Das Seminar Blaubeuren war eine vom Staat getragene Schule. Erst nach 1918, als Kirche und Staat getrennt wurden, stellte man die Seminare wieder unter die kirchliche Leitung. Am 1. April 1924 bekam das Kloster die Selbstständigkeit. Durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten waren die Seminare schon 1933 gefährdet. Dennoch traf die Beschlagnahmung im Juli 1941 die staatliche Schulverwaltung überraschend. Erst im Januar 1946 nahm das Seminar Blaubeuren den Unterricht wieder auf. Durch den Ausbau und die Neugründung von Gymnasien auf dem Land wurde es Ende der 60 er Jahre für die Seminare schwieriger die Schülerzahlen zu erhalten. Deshalb kam es 1975 zu einer neuerlichen Seminarreform.
Seit Ende des 20. Jahrhunderts sind die Klostergebäude im Besitz der Evangelischen Seminarstiftung. Besichtigt werden können der Kreuzgang des Klosters mit der Margarethenkapelle, der Kapitelsaal sowie der Chor der Klosterkirche mit der Petri- und der Urbanskapelle. In dem kleinen Klostergarten sind überwiegend Kräuter angepflanzt.
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Mit vielen neuen und wunderschönen Eindrücken ging es vorbei an Fachwerkhäusern zum Parkplatz und anschließend nach Hause. Ich wünsche allen, die jetzt auch Lust auf Blaubeuren und den Blautopf bekommen haben, viel Spaß.
Quellen:
Wikipedia: Blautopf - Blaubeuren
Fotos: privat

Angefügte Bilder:
Sie haben nicht die nötigen Rechte, um die angehängten Bilder zu sehen

zuletzt bearbeitet 25.11.2020 03:59 | nach oben springen

#2

RE: Der Blautopf

in 06.10.2019 14:01
von A. C. Greeley • 186 Beiträge | 915 Punkte

Was für ein anschaulicher, interessanter Bericht. Da hat man gleich Lust auch dort hinzureisen und sich den 'Blautopf' sowie die schöne, alte Gegend selbst anzuschauen. Sehr schön und wunderbar berichtet! Deutschland hat so einiges zu bieten!

LG,
Agnete


zuletzt bearbeitet 06.10.2019 14:04 | nach oben springen


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