#1

Und am Ende werden wir frei sein

in NEUERSCHEINUNGEN & REZENSIONEN
15.07.2022 21:11
von A. C. Greeley • 186 Beiträge | 915 Punkte

Und am Ende werden wir frei sein
(Lilac Girls)
Martha Hall Kelly

Auf dänisch: Blomstrende Syrener (bedeutet: blühender Flieder).
Ich erwähne es deshalb, weil der Titel auf Dänisch mehr mit dem Originaltitel übereinstimmt.

Meine Kusine aus Dänemark hat mir das Buch mitgegeben. Für mich eine tolle Gelegenheit, wieder einmal dänisch zu lesen.

Dass es kein einfaches Buch wird, war mir sofort klar. Dennoch musste ich zwischendurch Lesepausen einlegen, da die Handlung tatsächlich öfter ‚an die Nieren ging‘.
Es ist ein sehr emotionales Buch, und nichts für ‚Zartbesaitete‘. Dennoch empathisch geschrieben und absolut wert, die Handlung lesend ‚durchzuhalten‘.

Inhalt:

Die Autorin Martha Hall Kelly entführt und in die Zeit des II. Weltkrieges.

Es ist eine bewegende Geschichte dreier unterschiedlicher Frauen, die für ihre Freiheit, Liebe und ihr Glück kämpfen. Beruht auf wahren Biographien.

Die New-Yorkerin Caroline Ferriday, ehemalige Schauspielerin, arbeitet ehrenamtlich im französischen Konsulat. Sie ist verliebt in den französischen, verheirateten Schauspieler Paul Rodierre.
Ihr Glück nimmt ein jähes Ende, als im September 1939 Hitler in Polen einfällt.
Paul reist nach Frankreich zurück, um seiner Familie beizustehen, und Caroline bleibt in Ungewissheit über sein weiteres Schicksal zurück.
Sie beschließt, mit dem ihr zu Verfügung stehenden Mitteln zu helfen, und beginnt, sich für französische Waisenkinder einzusetzen.
Um Mittel aufzutreiben, veräußert sie auch viel von ihrem Vermögen.
In späterer Folge des Krieges nimmt sie sich französischen, in USA verzweifelt gestrandeten Menschen an und unterstützt von Anfang an die ‚Résistance‘, die französische Widerstandsbewegung.


Die 16jährige Polin Kasia Kuzmerick befindet sich in Gesellschaft ihrer besten Freunde Nadia, eine Jüdin, und Pietrik, in dem sie verliebt ist, als am 8. September, 1939 in Lublin plötzlich deutsche Flugzeuge über sie auftauchen, und Bomben auf die Stadt werfen.
Danach verändert sich alles für sie.

Weniger aus Überzeugung, eher aus Liebe zu Pietrik Bakoski schließt sie sich der Widerstandsbewegung 'Szare Szeregi, an.
Sie ist waghalsig und mutig und wird wegen ihrer Unvorsichtigkeit geschnappt.

Dadurch gerät sie in Gefangenschaft und wird mit ihrer Mutter Halina und ihrer Schwester Zuzanna in das deutsche KZ-Lager Ravensbrück deportiert.
Während sie Unmenschliches durchmachen müssen, gibt Kasia zu keiner Zeit auf.


Herta Oberheuser, eine ehrgeizige Medizinstudentin, lebt in Düsseldorf/Deutschland.
Sie ist 1939 im September 25 Jahre alt und beendet bald ihr Medizinstudium. Ihr größter Wunsch ist es, Chirurgin zu werden und auch zu praktizieren. Unter dem Nationalsozialismus ist es ihr allerdings verboten, sich innerhalb der Chirurgie zu spezialisieren.

Herta, indoktriniert durch ihre Erziehung, versteht ZB nicht, weshalb ihr Vater zu einem jüdischen Arzt geht. Auch ist sie Mitglied in der Gruppe BDM, ‚Bund deutscher Mädel‘, eine Schwesterorganisation der Hitlerjugend.
Dort hilft sie, im Blumenlager auf die jungen Frauen aufzupassen.

Die Uniform der BDM, samt der wenigen Abzeichen für Frauen, erfüllt sie und ihre Mutter mit Stolz.
Nach dem Lageraufenthalt bewirbt sie sich an vielen Stellen als Ärztin, wird aber nicht angenommen.
Später bekommt sie einen Teilzeitjob in der Düsseldorfer Hautklinik.
Da Deutschland zu der Zeit ökonomisch gut im Rennen liegt, verringert sich jedoch bald die Anzahl der Hautpatienten.

Eines Tages entdeckt sie eine mysteriöse Anzeige in einer Ärztezeitschrift, in der man weibliche Lagerärzte für ein ‚Umerziehungslager‘ in der Nähe von der Ferienstadt Fürstenberg sucht.
Sie beschließt, sich dort zu bewerben, und erhält die Stelle.

In Ravensbrück angekommen, ist sie zunächst entsetzt, doch findet sich sehr schnell ein.

Besonders die Parts von Herta und Kasia sind oft schwer zu ertragen.

Caroline tritt ein wenig in den Hintergrund, da sie, dank ihres Lebens in den USA größtenteils vom Kriegsgeschehen verschont wird.
Dennoch ist sie diejenige, die die Geschichte mit ihrem großen Herzen anführt.

Man braucht eine Weile, um die Zusammenhänge zwischen den drei Frauen zu erkennen, doch genau das macht die Handlung aus.

Schonungslos erfährt man von den grausamen Taten in dem KZ-Lager Ravensbrück und von dem Überlebenskampf der Frauen dort.
Es gab jede Menge Momente, wo ich so erschüttert war, dass ich eine kurze Lesepause eingelegt habe. Besonders Herta, die toughe Nazi-Schergin hat mir viele Nerven gekostet.
Man fragt sich unwillkürlich, wie es sein kann, dass einem Menschen derart die Menschlichkeit abhandengekommen ist.
Balsam für die Seele ist dafür Caroline, die sich mit Durchsetzungsvermögen und Herzenswärme den Hilfsbedürftigen widmet.
Auch Kasia, die genügend durchmacht, beweist im unmenschlichen Gefilde Menschlichkeit.

Dennoch ist die Handlung, besonders um Kasia und Herta voller Spannung und lässt dich ständig hoffen, das alles gut ausgeht.
Die wechselnden Abschnitte zwischen den drei Frauen sind fließend geschrieben und man kann es, trotz der manchmal wirklich harten Gegebenheiten einfach nicht lassen, weiterzulesen.
Es ist in der Ich-Form der einzelnen Frauen geschrieben, was tiefere Einblicke in die jeweiligen Charaktere gibt.

Caroline Ferriday hat es wirklich gegeben, genauso wie Herta Oberheuser und die Frauen von Ravensbrück, unteranderem auch als ‚Kanninchen‘ oder ‚Lupins‘ bekannt.
Mir gefällt besonders gut, dass die Geschichte mit Kriegsende nicht endet, sondern noch die Zeit danach bis in die 60er hinein anschaulich schildert. Faszinierend ist auch, wie viel Unterstützung es in Amerika während, und nach dem Krieg gab.

Wir alle wissen theoretisch von den Naziverbrechen, kennen Dokus, Filme, Bücher usw.
In diesem Buch gehen wir erzähltechnisch mit den drei Frauen durch die Hölle.
Fliegerangriffe, Hausdurchsuchungen, Deportationen, Ärzte, die töten anstatt Leben zu retten. Medizinische Versuche, Erschießungen, Familien, die um ihre Liebsten fürchten.
Keine Schonkost, dennoch heißt es durchhalten. Es lohnt sich!

Fazit: Es ist aufwühlend, schockierend, emotional und gegen das Vergessen!
Es hat mich nachdenklich gestimmt, und auch dankbar – und es hinterließ mich mit einem warmen Gefühl der Hoffnung.

A. C. Greeley


Evelucas sagt Top!
zuletzt bearbeitet 18.07.2022 12:29 | nach oben springen

#2

RE: Und am Ende werden wir frei sein

in NEUERSCHEINUNGEN & REZENSIONEN
16.07.2022 12:14
von muglsabine2016 • 280 Beiträge | 1551 Punkte

Liebe Agnete,

vielen Dank, dass du uns an deinen Eindrücken teilhaben lässt. Ohne zu viel zu verraten, zeigst du die Richtung auf, lässt uns an deinen Gefühlen und Ängsten teilhaben.

L.G. Sabine


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#3

RE: Und am Ende werden wir frei sein

in NEUERSCHEINUNGEN & REZENSIONEN
17.07.2022 16:19
von Evelucas • 550 Beiträge | 2242 Punkte

Oh Mann, klingt nach einem Buch bei dem ich wohl ständig zwischen Heulen aus Trauer und Rührung, oder Schreien vor lauter Wut, wie ein PingPong-Ball hin und her gerissen werden würde.
Mir kamen schon bei deiner Beschreibung liebe A.C die Tränen.
Jetzt bin ich neugierig. Hoffentlich gibt es dieses Buch auch als deutschsprachige Ausgabe , denn mit dem "dänisch lesen" hab ich es noch wesentlich schwerer als du.

Aber echt tolle Rezension.
GLG. Evelucas


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